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Onkel Kohl der Demokrator - oder - Ossi-Show, nein Danke
[Im Rahmen dieses Textes verwende ich Ossi und Wessi, so wie es sich eingebürgert hat.
Alle hier wiedergegebenen Äußerungen sind meine Meinung und nicht zwingend die Meinung
anderer Leute. Vielleicht werde ich ja wegen Volksverhetzung angeklagt ..., da will man
niemanden mit reinziehen.]
Da sich in letzter Zeit die einen (öffentlich rechtlichen und privaten) den Ostalgie-Trend mit
tollen Shows vergolden und die anderen (Spiegel-TV) genau das Gegenteil versuchen, nämlich
den immerhin mehr als 10 Mio Ostdeutschen ihre Identität abzusprechen, fand ich es an der Zeit
endlich einmal eine Kolumne zum Thema zu verfassen.
Die einen versuchen die DDR zu verherrlichen indem das Thema verballhornt wird, die anderen
sehen in der DDR ein Gefangenenlager mit größtem Leidensdruck. Hier gilt es wohl einmal mit
ein paar Vorurteilen und Mißverständnissen aufzuräumen. Ich habe (bis auf den ersten Punkt) meine
Thesen in Frage-Antwort Form dargelegt.
- Es heißt immer, dass die Wende der Beweis für die Überlegenheit des westlichen/westdeutschen
Gesellschaftssystems war (Kapitalismus und ehemals "soziale" Marktwirtschaft).
Nichts dagegen, aber bitte sehr wieso gab es dann keine Volksabstimmung (beiderseits der ehemaligen
innerdeutschen Grenze) über die 1990 bevorstehende Wiedervereinigung? Dass bei so "unwichtigen"
Dingen wie dem Euro ganz demokratisch und meinungsfrei die Regierung entscheidet, haben wir Ossis
ja nun bereits gelernt, aber bei der Wiedervereinigung hätte man doch mal eine Ausnahme machen
können. Stattdessen wurde vom großen Demokrator Helmut Kohl und seinen ostdeutschen Lakaien
("die Misere" oder so ähnlich hieß einer) eine volldemokratische, meinungsfreie und von der DDR-"Volkskammer" (Parlament) abgesegnete Annexion der DDR vollzogen. Natürlich gelten die DDR und auch
die letzte Volkskammer allesamt als undemokratisch, für diese "unwichtige" Entscheidung der
Wiedereingliederung und Volksenteignung der DDR-Bevölkerung war es aber scheinbar demokratisch genug.
Man sieht, Meinungsfreiheit (= die Freiheit eine Meinung haben zu dürfen, aber sowieso nicht danach
gefragt zu werden: Wiedervereinigung, Euroeinführung) und Demokratie hatten ihre Glanzstunden in
diesen Tagen.
- "Pfusch, die DDR-Wirtschaft und alles andere in der DDR waren Pfusch."
Soso, aber dann verstehe ich einige Sachen immer noch nicht:
Wie konnte Volkseigentum (die Bedeutung dürfte anhand des Namens klar sein) verschenkt
werden (okay, verkauft für eine symbolische (West-)Mark)? Und dies noch an dahergelaufene
Wessis, während die doofe (DDR-)Belegschaft, der der Betrieb sowieso schon anteilig gehörte, nicht
einmal für unverschämt hohe Summen solche Chancen bekam? Ach ja, wer es nicht glaubt, kann von mir
auf regionaler Ebene 3 konkrete Beispiele genannt bekommen. Man rechne das auf die gesamte ehemalige
DDR hoch und stelle sich die Implikationen vor.
- "Der Kommunismus in der DDR war sowieso zum Scheitern verurteilt."
Kommunismus? Wenn Du dir über die Begrifflichkeiten, die Dir Presse und andere Verblödungsindustrien
unterjubeln, klar bist, dann komm wieder. Für's erste dürfte es reichen, sich unverbindlich das
kommunistische Manifest durchzulesen, welches zu einem proletarierfreundlichen Preis von rund
zwei Euro fuffzig (2,50 - 3,00 EUR) in jeder gut sortierten kapitalistischen Buchhandlung erhältlich
oder zumindest bestellbar ist - Mist, ich hätte vorher mit den entsprechenden Verlagen über Provisionen
reden sollen ;) ... Es handelt sich um so leichte Lektüre, dass man Manifest und Anhänge
auch als PISA-geschädigter Jungwessi in 3-5 Stunden durchgeschmökert haben sollte.
Und das schlimmste daran - trotz des Alters von über 150 Jahren ist dieser kleine Wisch immer noch
so aktuell wie damals.
Übrigens, sollte deine Muttersprache nicht deutsch sein ... das Manifest war das erste Dokument
der Welt, welches in die meisten Fremdsprachen (das Original war deutsch) übersetzt wurde.
- "Okay, hab's kapiert, aber der DDR-Sozialismus war zum Scheitern verurteilt."
Jein. Erstens wurde die DDR geradezu ausgesaugt von unserem großen Bruder (neudeutsch
"Big Brother" - nicht zu verwechseln mit dieser Gefängnis-Soap), der Sowjetunion, und zweitens
kann Sozialismus nicht die endgültige Antwort sein (siehe oben, Marx und Engels).
Demzufolge müsste drittens der Kommunismus die Antwort sein, der aber meiner Meinung nach nicht
unter Wahrung dessen, was allgemein als "Menschenrechte" anerkannt ist, eingeführt werden könnte.
Außerdem kann Kommunismus (das ist ein Pferdefuß) nur global funktionieren. Und logischerweise
kann sich dann auch niemand mehr in seinem Land eingesperrt fühlen.
Übrigens (ganz entgegengesetzt der US-amerikanischen Auffassung) muss man im Kommunismus nicht
seine Frau mit dem Nachbarn oder wildfremden Leuten teilen ... man lese einfach mal das o.g.
Kommunistische Manifest und wird dann noch einige andere Schreckgespenste aus der Welt geschafft
sehen.
- "Aber die Ostdeutschen wollten doch in den Westen"
Es gab genügend, die es wollten. Viel mehr Leute wollten es aber nicht. Außerdem war die eigentliche
Forderung die Reisefreiheit, die Wiedervereinigung wurde uns nur übergestülpt. Einen echten Nachweis
für die eine oder andere Behauptung hätte nur eine Volksabstimmung gebracht.
Nach den ganzen Volksenteignungen am Ende der DDR haben viele Ostdeutsche sowieso das Gefühl,
die BRD hätte sich nur noch mal erholen wollen - und jetzt nachdem selbst das DDR-Vermögen (welches
nicht so gering war wie oft behauptet) aufgebraucht wurde, wird trotzdem vieles auf die "Kosten und
Herausforderungen der Wiedervereinigung" geschoben. Da bleibt nur ein bitterkaltes Lächeln.
- "Du undankbarer Arsch, wir haben für dich und deinesgleichen Solidaritätsbeitrag bezahlt!"
*hüstel* Bitte spring noch mal zu Punkt eins und lies Dir den Text noch mal sorgfältig durch.
(Besonders die Stellen mit der Volksenteignung der DDR-Bevölkerung!)
Außerdem ist es eine beliebte und weithin geglaubte Legende, dass die armen Wessis die ganze Zeit
den Beitrag gezahlt haben, den wir nur genommen haben. Dazu kann ich nur sagen, die Ossis haben exakt
den gleichen Prozentsatz zu zahlen.
Auch wenn der Text etwas bissig geschrieben ist, und auch wenn Du vielleicht ein besonders konservatives
Besserwessi-Exemplar bist, kannst Du jetzt ja vielleicht verstehen, wie sich viele der ostdeutschen
Aushilfsneger (Vgl. USA bis in die 60er) in der Zone fühlen. Nichtsdestotrotz verstehe ich eine Menge
Spaß und vertrage durchaus auch ein paar böse Ossiwitze von Harald Schmidt & Co.
PS: Solltest Du, lieber Leser, Ironie, Sarkasmus, Satire oder ähnliche sprachliche Entgleisungen in obigem
Text halten, oder sollten Dir gar ein paar Rechtschreibfehler aufgefallen sein, so darfst du dies alles
behalten ;)
PPS: Nein, ich wünsche mir nicht die DDR zurück. Aber ich kann mir ganz sicher eine bessere
und gerechtere Gesellschaftsform vorstellen als die jetzige oder die in der DDR. Mahlzeit.
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